Gedenken an die Opfer der antijüdischen Pogromnacht 1938

Montag, 10.November 2014, 10:57 Uhr
Gedenken an die Opfer der antijüdischen Pogromnacht
Nordhausen (psv) Anlässlich des 76. Jahrestags der antijüdischen Pogromnacht 1938 gedachten Nordhäuserinnen und Nordhäuser am Sonntag mit einer Kranzniederlegung am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge am Hagen den getöteten und vermissten Nordhäuser Juden.

Nach einer Gedenkrede durch die Beigeordnete der Stadt Nordhausen, Hannelore Haase, legten die Anwesenden Kränze und bereit gestellte Steine mit den Namen der jüdischen Nordhäuser Opfer am Gedenkstein nieder. Ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde beendete die Gedenkveranstaltung mit einem jüdischen Gebet.

Hier die Rede der Beigeordneten sowie ein Bildergalerie:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

“Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht verbietet, obwohl er kann, der befiehlt es“ – mit diesen Worten des Römischen Kaisers Marc Aurel begrüße sie alle recht herzlich hier an diesem Ort, an dem in diesen Tagen vor 76 Jahren der Mob ein Gotteshaus in Brand gesetzt hat. Mit jenem Tag hat ein Großteil des deutschen Volkes - und ein Großteil der Menschen dieser Stadt - seine moralische Unschuld verloren, weil sie den Brandstiftern nicht in den Arm gefallen sind und ihnen seit diesem Tag auch nie wieder wirklich Einhalt geboten hatten - ganz im Gegenteil. Das Feuer aus den Synagogen hat damals zu viele kalt gelassen.

Was damals in den Nächten vor 76 Jahren geschah, war für jeden sichtbar und jeder wusste, was es bedeutet - wenn er denn sehen wollte und wenn er denn wissen wollte. Ein Nordhäuser Zeitzeuge hatte das Eingeständnis auf den Punkt gebracht, ich zitiere: „Die Straße mit vorwiegend jüdischen Geschäften war ein Ort der wüsten Zerstörung. Glas, Einrichtungsgegenstände und Auslagen waren verstreut, so dass keine Straßenbahn mehr fahren konnte und wir nur mühsam zu Fuß gehen konnten“. Zitat Ende.

Es waren damals zu wenige, die sich gefragt haben, was aus dem jüdischen Nachbar geworden ist, dem man seit Monaten nicht mehr auf der Treppe begegnet war, wo er jetzt ist, ob er überhaupt noch lebt. Die Gleichgültigkeit hatte sich wie ein bleierner Nebel über das Land und auch diese Stadt gelegt. Und dieses Schweigen der Mehrheit des deutschen Volkes war der Treibstoff für die Mordtaten und die Mörder, die folgen sollten. Denn der 9. und 10. November waren der Testfall für die Nazis: Wird es das deutsche Volk hinnehmen, wenn ihre Mitbürger geprügelt, gedemütigt und getötet werden? Es hat es hingenommen - der Weg war damit frei für weitere Morde. Millionenfach.

Deshalb darf der heutige Tag nicht beim Gedenken an die unschuldig Gedemütigten, Gequälten und Getöteten stehenbleiben. Er muss zugleich ein Tag der Mahnung sein. Gerade jetzt. Denn am politischen Horizont unseres Landes hängen immer noch dunkle Wolken auf. Jeder Vierte in Ostdeutschland hat ausländerfeindliche Ansichten, fast 11 Prozent sind als antisemitisch einzustufen, und 5 Prozent der Deutschen verharmlosen Nationalsozialismus und Judenmord - das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Und schlimmer noch: Dieses extremistische Gedankengut ist in der Mitte der Bevölkerung angekommen, es greift um sich bei Jugendlichen, bei Reichen und Armen, bei Vorruheständlern und Rentnern.

Deshalb haben wir, die wir hier heute der Toten gedenken, eine besondere Verpflichtung. Es ist unsere Verpflichtung, zu jeder Stunde, an jedem Tag und an jedem Ort, für die Bewahrung der Würde des Menschen einzutreten, mutig das Wort zu erheben, wenn wir Zeuge werden, wie Gewalt und Völkermord verharmlost werden, nicht wegzuschauen, wenn Menschen anderer Hautfarbe beleidigt oder gedemütigt werden. Die ist unsere Pflicht jenen gegenüber, die seit dem 9. und 10. November 1938 in den Lagern ihr Leben verloren haben.

Deshalb sollten wir auch wachsam bleiben und Fragen stellen, auf die wir vielleicht nie eine Antwort bekommen: Wie waren solche Verbrechen überhaupt möglich? Mag einem einzelnen Irren die Würde des Mitmenschen, des Nachbarn, des Freundes nicht achtenswert sein, mögen einige wenige eine abstruse Rassenideologie entwickelt haben, aber wie konnten Millionen ihr Gewissen ausschalten? Wie konnte es passieren, dass Millionen denjenigen plötzlich mit Verachtung und Hass gegenüber traten, mit denen sie seit Generationen friedlich und in Eintracht Tür an Tür gelebt hatten? Waren es historische oder gesellschaftliche Gründe, kann eine ähnliche Situation wiederkommen?

Es sind alles Fragen, die uns an einem solchen Tag bewegen. Auf welchem Boden ist dieser Hass gewachsen, woher die Mordlust? Wo liegen die Versäumnisse von Eltern, Schule, von Gesellschaft und Staat? Diese Fragen sind bedrückend, sie sind drängend, sollten eigentlich längst beantwortet sein – auch im breiten gesellschaftlichen Diskurs. Bei allem Argumentieren, allem Analysieren steht deshalb eines fest: Im Extremfall ist die mutige Tat gefragt. Es ist die mutige Tat gefragt, wenn wir Zeuge sind, wie Schwache beleidigt oder geprügelt werden, wenn wir Zeuge werden, wie die Köpfe vergiftet werden. Und es ist die mutige Tat gefragt, wenn sie diese Stadt für sich beanspruchen wollen.

Doch es gibt nicht nur Grund für Pessimismus: Anders als damals in den dunklen Tagen gibt es heute über alle poltischen Grenzen und Gräben hinweg einen politischen Konsens der Demokraten, den wir mit unserem Hiersein auch deutlich zeigen, mit dem Niederlegen des Kranzes, mit unserer Scham und mit unserem Bekenntnis zum „Nie wieder“.


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