Forschungsarbeit: „Es ist an der Zeit, uns wissenschaftlich fundiert Klarheit zu verschaffen: Warum wurde Nordhausen bombardiert?“

Freitag, 07.Oktober 2016, 13:08 Uhr
Zerstörtes Nordhausen
Zum Bild: Blick auf das zerstörte Nordhausen. Foto: Werner Steinmann / Stadtarchiv Nordhausen.

Nordhausen (psv) Eine wissenschaftliche Forschungsarbeit soll klären, warum Nordhausen am 3. und 4. April 1945 bombardiert wurde. „Mit der neuen Form der Gedenkkultur haben wir einen ersten Schritt getan. Jetzt wenden wir uns jener Frage zu, die elementar ist für das Selbstverständnis von Nordhausen und deren wissenschaftliche Beantwortung bis heute noch aussteht. Es ist an der Zeit, uns Klarheit zu verschaffen mit der systematischen Sichtung der nationalen und internationalen Archive“, sagte Nordhausens Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh auch mit Blick auf die sinkende Zahl der Zeitzeugen. „Mit der fundierten Erforschung der Gründe ergibt sich vielleicht die Möglichkeit, keinen Raum mehr zu lassen für Umdeutungen der Bombardierung der Stadt“, so Dr. Zeh.

Man werde noch für dieses Jahr einen Stadtratsbeschluss vorbereiten zur Beauftragung der Wissenschaftler. Parallel dazu werde man sich um die Einwerbung von Forschungsmitteln, u.a. bei Stiftungen, kümmern.

Anstoß für die Forschungsarbeit war ein Gespräch von Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh im März 2014 mit dem früheren Leiter der Gedenkstätte `Mittelbau-Dora`, Dr. Jens Wagner, und Professor Volkhard Knigge, dem Leiter der „Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora.

„Damals hatten Professor Knigge und Dr. Wagner auf den Klärungsbedarf hingewiesen“, so Dr. Zeh.

Prof Knigge hatte beim Treffen gesagt: „dass es nun, mehr denn je, auf die Vermittlung von Fakten ankommt. Entscheidend muss die Antwort auf die Frage nach dem `Warum´ sein. Denn Täter und Opfer des Nationalsozialismus sind nicht vom Himmel gefallen.“

Dr. Wagner hatte darauf verweisen, „dass die inhaltliche Auseinandersetzung um das `Warum´ mit einem breiten Teil der Bevölkerung geführt werden sollte. So bedarf es im Fall von Nordhausen der dringenden wissenschaftlichen Untersuchung, warum Nordhausen in den letzten Kriegstagen noch bombardiert wurde. Dazu gibt es zwar eine Fülle von Thesen und Mythen. Aber keine methodische Untersuchung. Das könnte Thema einer Promotion sein, die die Stadtverwaltung initiieren könnte.“

Innerhalb des Forschungsvorhabens sollen darüber hinaus Anstöße entwickelt werden für eine Neugestaltung des Gedenkfriedhofs am Stresemannring, auf dem auch Häftlinge der Boelke-Kaserne beigesetzt sind sowie eine möglichst genaue Ermittlung der Opferzahlen.

„Auf diese Notwendigkeit haben insbesondere Überlebende des KZ `Mittelbau-Dora´ immer wieder verwiesen“, sagte Dr. Cornelia Klose, die Beauftragte für Gedenkkultur bei der Stadtverwaltung Nordhausen.

„Umgesetzt werden soll das Forschungsvorhaben durch den emeritierten Historiker Prof. Dr. Claus Füllberg-Stolberg an der Universität Hannover und die Historikerin Martina Scheitenberger“, sagte Dr. Zeh beim Auftaktgespräch im Rathaus. Professor Füllberg-Stolberg sei mit Nordhausen und dessen Geschichte vertraut, da er in Nordhausen geboren sei.

Sie selbst, so Frau Scheitenberger beim Treffen im Rathaus, habe u.a. 1994 / 1995 an der Konzeption für die Dauerausstellung der Gedenkstätte „Mittelbau-.Dora“ mitgearbeitet, für die Ausstellung in den früheren Raketen-Produktionsstollen im Kohnstein sowie an den aktuellen Text-Tafeln für das Denkmal auf dem Ehrenfriedhof.

Anhaltspunkte für die Forschungsarbeit, insbesondere bei der Methodik, könne die Untersuchung geben, die die Stadt Dresden mit ähnlichem Forschungsziel in Auftrag gegeben habe, sagte Frau Dr. Klose beim Treffen.

So habe man in Dresden eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Forschung begleitet habe und auch Bürgerinnen und Bürger umfasste. Im Rahmen der Dresdner Forschungsarbeit sei zugleich ein Zeitzeugenarchiv entstanden.

In Nordhausen sei die Mitarbeit von Schülern, vom früheren Bürgermeister Dr. Manfred Schröter, der bereits im Jahr 1988 eine erste Forschungsarbeit zur Bombardierung der Stadt Nordhausen erarbeitet habe, weiteren Historikern aus Nordhausen, vom Stadtarchiv, sowie von Vertretern der Stadtratsfraktionen vorgesehen.