Im Kunsthaus: Ausstellung „Art Deco – Aufbruch in die Moderne“

Dienstag, 28.April 2009, 12:58 Uhr
Wodarz, Jendricke, Hinsching
Nordhausen (psv) Am Samstag eröffnete Bürgermeister Matthias Jendricke die neue Ausstellung „Art Deco – Aufbruch in die Moderne“ im Kunsthaus Meyenburg.

Auf 200 qm zeigt die Ausstellung im Kunsthaus Meyenburg über 400 Exponate, die den Stil und die Zeit des Art Deco und der „wilden 20er Jahre“ wieder lebendig werden lassen. Die Leihgaben dieser Sonderausstellung stammen aus der Privatsammlung der Kunsthistorikerin Dr. Corinna Wodarz aus Höxter, links im Bild neben Bürgermeister Matthias Jendricke und Susanne Hinsching zur Ausstellungseröffnung.

Hier die Rede von Dr. Corinna Wodarz sowie eine kleine Bildergalerie zur Ausstellung.

"Art Deco – Aufbruch in die Moderne
(von Dr. Corinna Wodarz)


Art Deco – das ist der dominante Stil zwischen den beiden Weltkriegen. Er verdankt seinen Namen einer Ausstellung für internationales Kunsthandwerk, die 1925 in Paris unter dem Titel „L’Exposition des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“, kurz Art Deco, gezeigt wurde. Dieser Begriff wurde sogleich international übernommen für die modernen Gestaltungsideen der Zeit. In dieser Ausstellung wurden verschiedene, moderne Kunstströmungen gezeigt, als einheitlicher Stil waren sie noch nicht zu erkennen.

So vielfältig wie seine Anfänge ist das Art Deco geblieben. Abstraktion ist häufig, aber nicht verbindlich. Es wird auf Formen der altägyptischen, archaischen, asiatischen und primitiven Kunst Afrikas und Südamerikas zurückgegriffen. Neue Materialien wie Chrom, Aluminium und Kunststoffe finden Verwendung. Sie zeigen, dass das Art Deco sich als Ausdruck der modernen Welt sieht. Einer Zeit, die vorher undenkbare Ingenieursleistungen vollbrachte, wie in den USA den Bau von Wolkenkratzern wie dem Empire State Building. Einer Zeit, in der Ozeanriesen ständig neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellten, Elektrizität in den Häusern rußende Gas- und Petroleumlampen langsam verdrängte wie auf den Straßen Autos die Pferdefuhrwerke ersetzten. Autos, Telefone, Flugzeuge und Zeppeline wurden den Menschen langsam vertraut. Die Welt schien sich täglich zu verändern.

Mitte der 20er Jahre lagen mehr als 10 Jahre der Entbehrungen hinter den Menschen. Erst die Jahre des 1. Weltkriegs, dann die Nachkriegszeit, die durch Massenarbeitslosigkeit und Mutlosigkeit gekennzeichnet waren. Doch statt besser, wurde es 1922/23 mit der Inflation noch schlechter. Das Geld verlor schneller an Wert, als man es ausgeben konnte. Ein Brot kostete schließlich eine Milliarde Mark. Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich weiter.
Erst Mitte der 20er Jahre wurde es langsam besser. Nun wollten die Menschen sich amüsieren. Dazu gehörten Theater- und Kinobesuche, Feiern, ein eigenes Grammophon zum Abspielen der beliebten Schlager aus den neuesten Operetten, Sport und das Gefühl sich etwas Luxus leisten zu können. Und genau dieses Lebensgefühl in einer politisch und sozial extrem instabilen Zeit, eine ungewisse Zukunft vor Augen und sich gerade deshalb amüsieren zu wollen, ist das Lebensgefühl in dem das Art Deco seine Blüte erreicht. Es will luxuriös, vergnügt, überschwänglich und mondän sein und Träume von einem besseren Leben transportieren. Schwere Gedanken haben darin nur Platz als Attitüde.

Dabei will das Art Deco modern sein, weswegen Formen und Farben reduziert werden. Es ist dabei häufig in seinen starken Farbkontrasten und seiner Flächigkeit plakativ, weswegen einer seiner Schwerpunkte auch in der Werbung liegt. Immerhin erfährt das Konsumieren um seiner selbst willen in den späten 20er Jahren einen ersten Höhepunkt. Gerade in der Angewandten Kunst liegen die Stärken des Stils, weniger in der Kunst.
Das Art Deco teilt sich in 2 Phasen. Eine kleinteilige, ornamental interessierte Phase in den 20er Jahren und eine 2. Phase in den 30er Jahren, in denen die Formen monumentaler, einfacher und schlichter werden.

In der 2. Phase ist der Einfluss des 1919 in Weimar gegründete Bauhauses spürbar. Seine Ideen von der Funktionalität der Gegenstände, Materialgerechtigkeit und hochwertigem Handwerk bei mechanisierter Massenfertigung führten dazu, dass Formen, Farben und Dekore reduziert wurden. Das war dann nicht mehr das Design der Schieber und Kriegsgewinnler, der Stars von Bühne und Film, die für so viele mit ihrem Luxus zu Vorbildern wurden. Das war der Stil derer, die hofften, dass ein Bruch mit allem Althergebrachten, das zur Katastrophe des Weltkriegs geführt hat, zu einem besseren, gerechteren und gesünderem Leben führen würde, und dass der „Tanz auf dem Vulkan“, der so typisch für das Berlin der 20er Jahre war mit seinen Varietés und Künstlern aus aller Welt ist, letztlich zu nichts führen würde. Bruch mit der Vergangenheit im Design heißt auch gerade Verzicht auf kleinteiliges Ornament, historisierende Formen und Themen und wildwuchernde Formen, die die Funktionalität eines Objekts einschränken, wie das im Historismus und im Jugendstil nicht selten der Fall war. Das Rückwärtsgewandte, Starre, Überkommene muss, so meinte man, im Design ebenso überwunden werden wie gesellschaftlich schon die Zensur, das Korsett, die unmündige Bindung der Frau an Heim und Ehemann. Alles sollte frei sein und erlaubt.

So vielfältig und widersprüchlich wie die Zeit ist auch der Stil des Art Deco. Er zeugt von der Flucht der Menschen in ein kurzes Vergnügen, in die Träume von Luxus und zukünftigem Glück, ebenso wie vom ehrlichen Bestreben die Welt zu verbessern.

Damit ist die Zeit der 20er Jahre angesichts unserer aktuellen weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise – und damit auch das Art Deco – uns heute näher als die über 80 turbulenten Jahre, die seitdem vergangen sind, zunächst vermuten lassen. "
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