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Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke zur Würdigung des Ehrenamts

Dienstag, 04.Oktober 2011, 09:54 Uhr
Nordhausen (psv) In der Festveranstaltung aus Anlass der deutschen Einheit wurden Frauen und Männer ausgezeichnet, die sich um die ehrenamtliche Arbeit verdient gemacht haben. Im nachfolgenden hier die Rede von Oberbürgermeisterin Barbara Rinke:

Barbara Rinke
"Meine sehr geehrten Damen und Herren,

seien Sie alle herzlich willkommen am Abend dieses 3. Oktober 2011.
Wie in jedem Jahr soll dieser Abend Ihnen gehören, der Würdigung Ihres Ehrenamtes, Ihres Engagements im Verein, in der Stiftung, im Ortschaftsrat für die Bürgerschaft, für unsere Stadt.

Sind Sie glücklich, meine Damen und Herren? Ich weiß, dass ist eine ziemlich indiskrete Frage, aber ich glaube es ist spannend, ihr nachzugehen. Sogenannte Glücksforscher tun dies seit Jahren mit interessanten Ergebnissen. Im letzten Monat erschien der Glücksatlas „Deutschland 2011“, der die Lebenszufriedenheit der Deutschen untersucht und alle Regionen der Bundesländer miteinander vergleicht. Im Ergebnis wird sichtbar, dass der Abstand zwischen Ost und West in den Jahren geringer geworden ist und sich nur noch wenig unterscheidet. Das ist erfreulich. Aber und das gibt Anlass nachzufragen, Thüringen ist von 19 untersuchten Regionen die unzufriedenste. Da ist es geboten, etwas näher hinzusehen. Natürlich ist mir klar, dass man Glück nicht statistisch messen kann und dass der Glücksbegriff sehr individuell bestimmt ist. Die Studie setzt deshalb Lebenszufriedenheit für Glück ein.

Was macht uns nun eigentlich glücklich bzw. zufrieden?
Eine Frage, die seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte steht und ständig nach neuen Antworten sucht.
Von Glücksmomenten können wir alle berichten: Das erste Verliebtsein, der Blick ins Kinderbett, wenn die Kleinen schlafen, der neue Arbeitsplatz, das erste Vogelsingen im Frühjahr. Doch Glück ist kein Dauerzustand.

Viele von Ihnen kennen das Märchen der Gebrüder Grimm vom „Hans im Glück“. Er tut sich schwer mit dem glücklich sein und muss erst einen langen Weg zurücklegen, um seine Antwort zu finden. Der Klumpen Gold, den er als Lohn für 7 Jahre harte Arbeit bekam, war ihm bald zu schwer, das eingetauschte Pferd war ihm zu schnell und warf ihn ab. Die Kuh, die er gegen das Pferd tauschte, versetzte ihm einen Schlag, dass er am Boden lag. So trennte er sich auch von der Kuh gegen ein Schwein. Doch auch das Schwein machte ihn nicht zufrieden, denn es war möglicherweise gestohlen und dem armen Hans ward bange. Deshalb entledigte er sich des Schweins und nahm von einem Wandergesellen die Gans unter den Arm, um nach Hause zu laufen. Als er durch das letzte Dorf gekommen war, begeisterte ihn ein Scherenschleifer, bei dem er seine Gans gegen einen Wetzstein eintauschte. Nun schien er endlich zufrieden, seine Augen leuchteten vor Freude. „Ich muss als Glückskind geboren sein,“ rief er aus. „Alles, was ich wünsche, trifft auch ein.“ Doch am Schluss des Märchens fällt der Wetzstein in den Brunnen und Hans steht mit leeren Händen da. Trotzdem oder auch deshalb ruft er aus „so glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne“ und mit leichtem Herzen und frei von aller Last geht er nach Hause. Hans im Glück ist nur eine Märchenfigur. Aber wie bei allen Märchen wird auch ein Stück Wahrheit zu finden sein.

Warum kann er nicht zufrieden sein mit dem was er hat und will immer das haben, was dem anderen gehört, weil es vermeindlich für ihn einen größeren Nutzen hat. Eine Verhaltensweise, die auch in unserer realen Welt viele Parallelen hat. Und wie viele Umwege muss man gehen, bis man das Glück findet?

Hans muss feststellen, dass jedes Ding seine eigene Last hat und Besitz auch Anstrengung und Verantwortung bedeutet. Doch er entscheidet sich für die Unabhängigkeit und Genügsamkeit und findet darin sein Glück. Er steht zum Schluss wieder mit leeren Händen da. Aber er beherrscht die Lebenskunst, aus allem das Beste zu machen, oder wie eine alte Lebensweisheit sagt: Das Glas stets halb voll zu sehen und nicht halb leer.

Die meisten von uns wissen, dass man mit der Unbekümmertheit des Märchenhelden heute nicht durchs Leben kommt, denn Asketen und Aussteiger sind nicht die Regel und halten die Gesellschaft auch nicht zusammen. Dennoch wir Thüringer scheinen etwas Nachholebedarf zu haben, was die Praktiken der Lebenskunst anbetreffen.

Was macht uns nun glücklich? Was fanden die Wissenschaftler heraus, was wir nicht längst schon ahnten? Der Glücksatlas 2011 umfasst die wichtigsten Faktoren. Dazu zählt der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen, Alter und Geschlecht. So sind Männer und Frauen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr am glücklichsten. Die unzufriedensten Ruheständler leben in Thüringen.

Arbeit hat für die Deutschen einen sehr hohen Stellenwert. Eine große Ungleichheit senkt die allgemeine Lebenszufriedenheit. Arbeitslosigkeit ist genau wie Krankheit und Einsamkeit ein großer Glückshemmer. Ausschlaggebend für eine große Arbeitszufriedenheit sind in hohem Maße immaterielle Faktoren, wie
- die Anerkennung der eigenen Leistung,
- dass die Arbeit Spaß macht und den eigenen Fähigkeiten entspricht,
- große Entscheidungsfreiheit,
- nette Kollegen
- und ein sicherer Arbeitsplatz.

In Thüringen schlägt sich die schlechte Einkommenslage deutlich in der Lebenszufriedenheit nieder. Das ist die zentrale Aufgabe für Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft, die schnell gelöst werden muss. Der Mindestlohn kann der Weg sein. Aber das Allerinteressanteste ist die Tatsache, dass die Thüringer bei den sozialen Kontakten und bei den kulturellen und sportlichen Aktivitäten wesentlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen.

„Das regelmäßige Treffen mit Freunden und Bekannten, das Sporttreiben , die klassische Kultur, andere Freizeitaktivitäten sowie Religiosität bestimmen wesentlich die Lebenszufriedenheit der Menschen.“ (Zitat Glücksatlas 2011). Das belegen die Ergebnisse der Befragung.

Deshalb, meine sehr geehrten Damen und Herren, war meine Frage am Anfang, ob Sie glücklich sind, doch nicht ganz so indiskret, weil ich die Antwort - zumindest statistisch gesehen – bereits kannte.

Sie alle haben auch ohne Glücksatlas ihren Weg im Leben gefunden. Sie engagieren sich gemeinsam mit Freunden in der Kultur, beim Sport, in der Gemeinde, im sozialen Bereich , im Unternehmer-verband, bei der Nachbarschaftshilfe, als Eltern in der Schule und im Kindergarten, als Senioren für die Belange der älteren Generation, bei der Freiwilligen Feuerwehr, um Leben zu retten, im Wander- und Alpenverein, beim Umwelt- und Naturschutz, bei der Städteführergilde , bei der Pflege vom Park Hohenrode, um nur einiges zu nennen.

Insgesamt leisten rund 22 Millionen Menschen, d. h. rund ein Drittel aller Bundesbürger in Deutschland, ehrenamtliche Arbeit. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit rund 36 % Freiwilligen im Mittelfeld, in Großbritannien sind es beispielsweise 48 %, in den USA 56 %.

Gebraucht zu werden, ist entscheidend. Denn gebraucht zu werden, schafft Lebenssinn, sozialen Zusammenhang, das Empfinden von Glück. Das meisten kennen das! Man packt gerne mit an, man hilft sich gegenseitig, man tut sich mit anderen zu gemeinsamen Zwecken zusammen. Und man empfindet Freude dabei.

In Nordhausen gibt es 172 Vereine mit rund 3.000 Mitgliedern. Dazu kommen die ehrenamtlichen in Gemeinden, Ortschaftsräten, Kirchengemeinden und Stiftungen. Wir haben als Stadt das Wirken der Vereine auf sehr vielfältige Weise in den letzten Jahren unterstützen können mit großen und kleinen Zuschüssen, mit Hilfestellungen bei Förderanträgen und Begleitung durch die Stadtverwaltung.

Wir haben als Stadt ein fundamentales Interesse am freiwilligen Engagement, es ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, denn wo Bürgerinnen und Bürger handfest erleben, dass sie selbst ihr eigenes Gemeinwesen mitgestalten, da müssen auch schwierige Zeiten keineswegs automatisch unglückliche Zeiten sein. Sie sind es für diejenigen nicht, die entschlossen daran gehen, erkannte Probleme zu lösen. Viele von ihnen sind durch die Medien bereits informiert, dass die Thüringer Landesregierung angetreten ist, die langanhaltende Schieflage des Landeshaushalts zu korrigieren. Das ist prinzipiell zu begrüßen. Doch die Fehler der Vergangenheit sollen nun auch durch die Kommunen mit ausgebügelt werden. Sprich – die Bürger werden an der Begleichung der Zeche beteiligt. Viele von uns empfinden das als ungerecht, denn für viele Thüringer Kommunen ist eine sparsame nachhaltige Haushaltsführung seit vielen Jahren Standard. In manchen Bereichen wird es Einschnitte geben, die schmerzhaft sind und nicht überall abgefangen werden können. Deshalb werden wir als Verantwortliche in der Stadt den Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg suchen, um Nordhausens Zukunftsfähigkeit nicht aufs Spiel zu setzen, denn Lebenszufriedenheit hängt auch davon ab, wie wohl ich mich in meinem Zuhause, meiner Umgebung, meiner Stadt fühle und wie die Zukunftsaussichten sind.

In einer Bürgergemeinschaft darf man eben nicht wie der Märchen-Hans das Gold verscherbeln und zum Schluss mit leeren Händen dastehen. Deshalb wird auch das sogenannte Tafelsilber der Stadt, nämlich unsere kommunalen Unternehmen, die die Daseinsvorsorge garantieren, nicht zur Disposition stehen. Denn beim Verscherbeln von Kommunalvermögen bleiben stets die Schwachen auf der Strecke. Wir wollen aber in Nordhausen weiter an einer solidarischen Bürgergesellschaft arbeiten. Sicher werden wir nie zu den ganz reichen und schönsten Städten Deutschlands zählen, wie München, Hamburg oder Frankfurt. Aber gemeinsam daran zu arbeiten, dass die Lebenszufriedenheit der Menschen in Nordhausen steigt, wäre schon ein gutes Ziel, an dem Sie ja längst schon alle mitwirken.

Deshalb lassen Sie mich zum Schluss meinen großen Dank an Sie alle aussprechen für Ihren Einsatz im letzten Jahr. Gehen Sie mit offenen Augen durch unsere Stadt. Da ist noch viel zu tun, für das es sich lohnt, ein Ehrenamt anzunehmen. Zum materiellen Auskommen kann die Politik beitragen, zum Glück kann sie nur ganz bedingt verhelfen. Den Weg dahin muss jeder für sich suchen. Aber vielleicht ist ja die Ehrenamtsbewegung auch eine Glücksucherbewegung. Und davon kann unsere Stadt nicht genug haben.